Direkt zum Inhalt

AD(H)S und Hochbegabung

Lern- und Verhaltensprobleme trotz hoher Intelligenz

Image
AD(H)S und Hochbegabung
Helga Simchen
Verlag
Kohlhammer
ISBN-Nummer
978-3-170-41408-2
Preis
33, 00 €
Kaufen bei Diana Künne, Pädagogischer Verlag und Buchhandlung

Das Buch wurde von mir freudig erwartet und mit Spannung gelesen. Da der Inhalt mich zunächst stark ins Grübeln brachte, musste ich mehrmals ansetzen und habe die Lektüre schließlich auch meinem Mann vorgelegt mit der Bitte um eine unabhängige Meinung. Ich schätze Helga Simchen als Autorin vieler Bücher um ADS und ADHS sehr, denn sie hat damit entscheidend zum Verständnis der ADHS in Deutschland beigetragen. Doch von diesem Werk bin ich enttäuscht, denn ich fühlte mich ins neurophysiologische Mittelalter zurückkatapultiert. Zu viele Inhalte gleichen denen ihrer früheren Bücher, und deprimiert musste ich feststellen, dass sie noch immer normative und lernpsychologisch längst überholte Ansichten propagiert. Dennoch regte der Lesestoff mich zu einigen interessanten (In-)Fragestellungen bezüglich Neurodiversität und Störungsbewusstsein an. Es geht um Intelligenz, Begabung, AD(H)S und das Talent, trotz enormer geistiger Fähigkeiten in der Schule gründlich zu versagen.      

Helga Simchen beginnt in ihrem neuen Buch zunächst damit, Intelligenz und Hochbegabung zu erläutern und schildert Probleme hochbegabter Kinder und Jugendlicher. In ihrer langjährigen Praxis als Kinderärztin, Kinder- und Jugendpsychiaterin und Psychotherapeutin betreute sie immer wieder Kinder, die neben den ausgeprägten ADHS-Symptomen auch Anzeichen für Hochbegabung zeigten, jedoch trotzdem massive schulische und emotionale Probleme entwickelten. Wenn man selbst mit einer von Neurodiversität betroffenen Familie lebt, fühlt man sich sofort angesprochen. Anschließend erläutert sie ihre Überzeugung, dass Intelligenz allein nicht ausreicht, um erfolgreich zu lernen. Weitere Kapitel beinhalten die Themen Frühförderung und Entwicklungsdiagnostik, Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz und die Notwendigkeit der Behandlung von Kindern mit sehr hoher Begabung und ausgeprägter ADHS-Symptomatik. Alle Inhalte werden mit vielen Beispielen aus ihrem großen Erfahrungsschatz belegt. Ein letzter Abschnitt rundet das Bild über hochbegabte Jugendliche mit ADHS, deren Diagnostik und Behandlungsansätze anhand von fünf Fallgeschichten aus ihrer Kinder- und Jugendärztlichen Praxis ab. Wer Frau Simchens Bücher aus den Vorjahren gelesen hat, wird sich schnell in die bekannten Inhalte einfinden. Sie berichtet von Reizfilterschwäche, Blicksteuerungsschwäche, Teilleistungsstörungen und Gedächtnisproblemen und führt in die Problematik des Underachievements (unzureichende schulische Leistungen trotz hoher Intelligenz) bei hochbegabten Kindern ein.  

Die Intelligenz ist seit ihrer Erforschung ein umstrittener Begriff. Sie ist ein gesellschaftliches Konstrukt, welches davon ausgeht, dass der Mensch über eine angeborene abstrakte geistige Fähigkeit verfügt, mit der sich Vorhersagen über seinen zukünftigen Bildungsweg machen lassen. Helga Simchen erläutert den Begriff der Intelligenz und ihre Variabilität im Laufe der Entwicklung anhand verschiedener Testverfahren, die in ihrer Praxis zum Einsatz kamen. Sie beschreibt die Intelligenz als angeborenes Persönlichkeitsmerkmal als die wichtigste Voraussetzung, um den Anforderungen der Schule und im Alltag gerecht zu werden. Sie versucht anschaulich, Hochbegabung in ihre Erfahrungen mit ADHS-Kindern und Jugendlichen einzuordnen und von Talent zu unterscheiden. Schnell wird klar, dass selbst bei hoher intellektueller Begabung ein Schulerfolg nicht gewährleistet ist. So beschreibt sie unter anderem „Schicksale mancher Hochbegabter“ durch die chronische Unterforderung in Schule und Elternhaus. Kinder, die sich aufgrund dieser Vernachlässigung selbst beschäftigen und in eigener Sache zu IT-Experten werden, verschwenden ihr großes wissenschaftliches und wirtschaftliches Potenzial. Deshalb sind frühe Förderung und diagnostische Abklärung von Intelligenz und Wahrnehmungsverarbeitung unabdingbar. Die Autorin stellt sich der Frage, was Hochbegabung und ADHS gemein haben und wie sich das in den unterschiedlichen Ausprägungen der ADHS niederschlägt. Auch Teilleistungsstörungen, die Auswirkungen von Stress und die Rolle der Eltern werden betrachtet. Ausführlich beschreibt Simchen die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Schulzeit und leitet daraus den Bedarf an Sonderförderung für Kinder mit Hochbegabung ab. Sie erläutert die Bedeutung sozialer Kompetenzen für die Entwicklung des Selbstwertgefühls und gibt einen Einblick in das von ihr statuierte multimodale Behandlungskonzept bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS und Hochbegabung.   

Das Buch ist leicht und flüssig lesbar, wichtige Zusammenfassungen werden in Kästchen und Tabellen hervorgehoben. Es werden Bedingungen und Eigenschaften von Hochbegabung und Leistungsfähigkeit beschrieben und den Störungen und negativen Umweltbedingungen gegenübergestellt. Eltern erhalten Tipps für den Umgang mit Fernsehen und Computer. Therapeuten und Erzieher können Empfehlungen für das Lerntraining mit ADHS-Kindern entnehmen. Doch all das ist Schnee von gestern. Ich wünschte mir einen Blick über den Tellerrand, der auch moderne anerkannte Lernmethoden mit einbezieht und Strategien, die dem Kind (nicht der Schule) entgegenkommen. In Simchens Buch fand ich viele bestürzende Leidensgeschichten. Immer wieder las ich heraus, wie Kinder und Jugendliche, die sich nicht in genormte pädagogische Ansätze pressen lassen, an die gesellschaftlichen „Erfordernisse“ angepasst werden müssen, um ein glückliches und erfülltes Leben zu leben. Im Zeitalter der Inklusion spüre ich hier eine große Diskrepanz zwischen ärztlicher/psychotherapeutischer Betrachtungsweise und freier Persönlichkeitsentfaltung im Sinne von Individualität und Selbstbestimmung. Wenn ADHS keine Erkrankung, sondern Persönlichkeitsvariante ist, wie Simchen dies mehrfach erklärt, dann verstehe ich nicht, weshalb sie (noch) so defizitorientiert vorgeht. Natürlich müssen Eltern die Ziele der Therapie unterstützen und Regeln bzw. erlernte Strategien zu Hause umsetzen wollen. Aber sie zusätzlich zu ihrer ohnehin großen Belastung als Co-Therapeuten zu verpflichten, halte ich nicht für zielführend. Gut 30 Jahre nach dem Einzug des Empowerment-Konzepts in Deutschlands Psychiatrie, Sozialarbeit und Gesundheitsförderung sollte die Beziehung zwischen Hilfesuchenden und Hilfeanbietern nicht mehr auf einer pathologisierenden Insel stattfinden.    

Das Buch hinterlässt in mir einen recht traurigen, ja deprimierenden Beigeschmack. Zwischen all den beschriebenen Schulversagern, den mehr oder weniger unfähigen Eltern und Ansprüchen an ein Persönlichkeitsprofil, das einem übernatürlichen Idealbild entsprungen scheint, fand ich weder mich, meine hochbegabten Kinder noch meine pfiffigen kleinen Klienten wieder. Hilfreich wäre es gewesen, wenn die Autorin ihre negativen Erfahrungen durch Erfolgsgeschichten ihrer ehemaligen Patient*innen ergänzt hätte. Ich vermisse den Perspektivenwechsel in die Sicht der Familie, die Bedeutung von Anerkennung und Wertschätzung ihrer Leistung und eine ressourcenorientierte Begleitung außergewöhnlicher Kinder, egal wie ihre Hirnzellen vernetzt sind. Ich vermisse einen Hinweis auf die wertvolle Bereicherung unserer Gesellschaft durch den spitzfindigen Humor, die kreative Problemlösungsfähigkeit und die hohe emotionale Sensibilität, die neurodivergente Menschen ihr geben können.       

 

Evelyn Biehl